Ostergrau(en)

29. März 2013

Kein Ostergras, keine Osterglocken, nur weiß und grau. Der frühe Ostertermin und der sich hinziehende Winter sorgen dafür, dass es nichts so recht wird mit dem Eiersuchen im beginnenden Frühling. Selbst auf dem an Feiertagen so bevölkerten Tempelhofer Feld zieht nur ein einsamer Ski-Läufer seine Bahnen. Wer kann, nutzt den Tag eher, um sich auf der Couch einzumummeln.

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Wie immer ihr die Tage auch verbringen mögt, es seien euch zumindest einige schöne Oster-Feiertage gewünscht. Tankt Kraft und lasst euch von der Trübnis draußen nicht unterkriegen.

Der Tod der Taube

18. März 2013

Zumindest in den Lüften bleibt Neukölln ein raues Pflaster. Die Gentrifizierung zieht an der Natur bisher scheinbar vorbei. Das wurde einer Taube zum Verhängnis, die mitten im Kiez in die Fänge des Falken geriet. Allerdings ist dessen Position als Chef über den Dächern nicht unangefochten. Eine ganze Schar Krähen sorgte dafür, dass er sich mit seiner Beute erst einmal in die Umgebung von Menschen verkrümeln musste, um kurz verschnaufen zu können. Anschließend folgte ein Versuch, der grauen Konkurrenz mit einem beherzten Flug durch die Straßenschluchten zu entkommen. Wie es ausging, hat sich unseren Augen leider verschlossen.

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Aber um eines klarzustellen: Die Neuerungsprozesse gehen natürlich auch an den hier lebenden Tieren nicht vorbei. Jedes sanierte Haus bedeutet nicht nur höhere Mieten und Verdrängung, sondern auch weniger Nistplätze für Vögel und weniger Unterschlupf für Fledermäuse. Die Spatzenmafia macht es sich beispielsweise gern in Kommunen an Hauswänden bequem, an denen fehlende Ziegelsteine Nischen bieten. Ein aufgehübschtes Haus mit glatten Wänden bietet für sie keinen Platz mehr. Es wird also auch Zeit, sich Gedanken darum zu machen, wie dieser Kiez nicht nur hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur irgendwann steril wird.

Abstand halten

26. Februar 2013

Man könnte meinen, dass die Neuköllner Spatzenmafia in dieser Jahreszeit, in der es noch nicht Futter in Hülle und Fülle gibt, etwas eher die Scheu verliert. Aber das ist mitnichten der Fall.

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Während man im Sommer schnell Gefahr läuft, einen von den Kollegen auf dem Teller sitzen zu haben, passen sie aktuell gut auf, dass man die Distanz fünf Meter nicht unterschreitet. Insofern scheint es ihnen gut zu passen, dass auch die Menschen derzeit eher weniger Lust haben, draußen zu verweilen und zügig ihrer Wege gehen. Wieder unter sich, scheinen sie am Herrfurthplatz aber schon intensiv die Frühlingsparty vorzubereiten.

Die Neuköllner CDU will am Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung schonmal symbolisch Fakten schaffen und hat einen Antrag eingereicht, laut dem sich die Bezirksvertretung für eine Bebauung des Tempelhofer Feldes aussprechen soll. Da die SPD aufgrund der Vereinbarung über die Stimmgemeinschaft ohnehin mit der CDU stimmt, dürfte der Beschluss, der unter der Drucksachen-Nummer 0528/XIX vorliegt, wohl durchgehen. Der Antragstext lautet konkret:

Die Bezirksverordnetenversammlung spricht sich auf Grund der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung für eine Wohnbebauung an den Rändern der Fläche des Tempelhofer Feldes aus. Dabei befürworten wir, dass stadtplanerisch ein moderater Übergang vorhandener Wohnbebauung zur Freifläche des Tempelhofer Feldes geschaffen wird. Hierzu sollen notwendige Infrastrukturmaßnahmen (z. B. Schule, Kita) berücksichtigt werden.

Der Antrag ist auch ein schönes Beispiel für Neusprech im Politikbetrieb. Denn “ein moderater Übergang vorhandener Wohnbebauung zur Freifläche” hört sich ja erstmal gut an. Morderat soll es werden, nicht zu heftig. Schön fließend, angenehm. Konkret heißt das aber, dass dort kein bezahlbarer Wohnraum entstehen soll, sondern kleine, schicke Häuschen für jene, die sich solch eine exklusive Lage leisten können.

Der Antragsteller ist übrigens Christopher Förster, der auch stellvertretender Vorsitzender der Jungen Union Berlin ist. Der aufstrebende Jungpolitiker kommt wohl aus dem Süden Neuköllns und ist von den Vorgängen rund um das Feld eher kein Stück persönlich betroffen. Förster kann man via Abgeordnetenwatch auch fragen, was das soll. Ich habe aber keine Ahnung, ob man da eine Antwort erwarten kann. Vielleicht ist da der direkte Kontakt besser geeignet.

Neoliberale und unser Feld

19. Februar 2013

Ich bin es leid. Immer wieder diese Leier, wie wichtig der Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld sei, um die steigenden Mieten in dieser Stadt in den Griff zu bekommen. Die ganze Debatte erinnert mich an die angebliche Alternativlosigkeit der neoliberalen Politik. Da geht es ja immer darum, eine steigende Staatsverschuldung mit immer einschneidenderen Sparprogrammen in den Griff zu bekommen – und es klappt einfach nicht. Am besten sieht man das in Griechenland. Das angebliche Patentrezept versagt und nebenher wird alles viel schlimmer als auch nur ein Stück besser. Ökonomen, die nicht der neoliberalen Schule entspringen, wissen das, finden aber kein Gehör. Sie reden schon lange davon, dass eine Wirtschaft, die hauptsächlich vom Inlandskonsum abhängig ist, nicht auf die Beine kommt, wenn man den Menschen immer mehr von dem Geld wegnimmt, das für den Konsum eingesetzt werden könnte.

Im Grunde das gleiche Mantra schlägt uns in Sachen Tempelhofer Feld entgegen. Bebauung und dann klappt das schon mit den Mieten. Man darf nicht gleichzeitig für den Erhalt des Feldes und gegen die Verdrängung der ärmeren Leute aus den Kiezen sein, weil sich das angeblich widerspricht. Immer schön den einfachsten Weg gehen, mit einfacher Logik und in den gewohnt einfachen Bahnen. Völlig egal, was es für Langzeitfolgen hat – Hauptsache man macht “irgendwas”.

Es wird auf dem Tempelhofer Feld keinen preiswerten Wohnraum geben. Dafür muss man nur die entsprechenden Planungen ansehen: An der Oderstraße ist beispielsweise ausschließlich leichte Bebauung vorgesehen. Das heißt konkret: Townhouses bzw. Vergleichbares. Man versucht uns also weiszumachen, dass Leute dann nicht in die Wohnung im Kiez ziehen, deren Miete von sagen wir 500 auf 700 Euro erhöht werden soll, sondern in das dann vielleicht 1.000 Euro teure Häuschen. Und dann bleibt die Miete für die Wohnung deshalb bei 500 Euro. Das ist natürlich sehr vereinfacht, aber das Prinzip ist klar. Auch wenn es hier letztlich wohl ohnehin eher um Eigentum gehen würde.

Hinzu kommt, dass der ganze Prozess mal wieder ohne Bürgerbeteiligung durchgezogen wird – und nein, diese Pseudo-Infoveranstaltungen, wo der Pöbel auch mal reden durfte, sind keine Bürgerbeteiligung. Ich bin durchaus auch nicht mit allem glücklich, was die Tempelhofer Feld-Puristen auf dem Plan haben. Aber vermutlich ist das der einzig gangbare Weg. Alternativlos von der anderen Seite. Wenn es nicht anders geht, dann eben ebenso radikale Volksgesetzgebung und Widerstand, bis sie es irgendwann lernen. Insofern bin ich hocherfreut, dass die erste Stufe zum Volksbegehren “100% Tempelhofer Feld” jetzt auch offiziell problemlos gemeistert wurde. Von den eingereichten Unterschriften sind 28.147 anerkannt – viel mehr, als nötig. Kurz feiern, und dann auf in die zweite Phase!

Es ist etwas Schlimmes passiert in der Nachbarschaft. Ein Mann hat zwei Frauen erschossen. In ihrem Laden, den sie gerade erst eröffnet hatten. Der Hintergrund ist offenbar darin zu suchen, dass eines der Opfer und der Täter bis vor einiger Zeit ein Paar waren.

Das ist schlimm und erschütternd. Und umso ekliger ist es, dass sich natürlich bei einem solchen Vorfall der hierzulande tief verankerte Alltagsrassismus Bahn bricht. So ging seitens der ‘dpa’ die Meldung “Mann erschießt Frau in türkischer Bäckerei” über die Ticker. Klar, es passierte in Neukölln, in einem Laden, der etwas zu Essen anbietet und zusätzlich schon morgens vor neun geöffnet hat. Das muss ein türkischer Bäcker sein.

Und falscher geht es schon kaum noch. Wenn, ja wenn der fragliche Redakteur nicht selbst rassistisch denken würde, wäre die Tat nämlich schlicht in einem Neuköllner Bäcker geschehen. Denn das Geschäft steht tatsächlich in der Flughafenstraße und nicht in der Türkei. Nun könnte man einwenden, dass es ja auch italienische Restaurants gibt, die man besucht, wenn man Pizza essen will. Aber das lasse ich hier nicht gelten, denn bis auf Details unterscheidet sich das Angebot bei den Bäckern im Umfeld kaum. Es gibt Brötchen, Brote und anderes Gebäck in verschiedensten Formen. Hinzu kommt, dass die beiden Opfer, denen der Laden gehörte, nicht einmal einen türkischen, sondern einen bulgarischen Hintergrund haben. Das scheint aber bei der gewohnten Kausalitätskette “Neukölln -> Kriminalität -> Türken” nun wirklich keine Rolle zu spielen.

Zahlreiche Verlage, die immer wieder ihren “Qualitätsjournalismus” hervorheben und diesen zukünftig besonders subventioniert sehen wollen, übernahmen die dpa-Meldung ohne zu hinterfragen. Einige, wie die ‘Berliner Zeitung‘ haben inzwischen Korrekturen vorgenommen. Anders sieht es hingegen beim ‘Focus‘ aus. Da steht das alles weiterhin so da. Und weil man dem Leser ja auch Hintergründe liefern will, wird “Zum Thema” auch gleich auf die Kernthesen aus Heinz Buschkowskys letztem Buch verwiesen. Dieses stand ja auch in der Kritik, den strukturellen Rassismus zu befördern. Insofern passt es auch zur übernommenen Meldung. Denn wie sich mit diesem Buch ein Eifersuchts-Drama begründen lässt, wäre wohl schwer zu erklären.

(Klick machts groß)

Es ist Kiezdinner-Zeit!

22. September 2012

Hallo liebe Nachbarn und weiter entfernte Freunde des Genusses,

es wird herbstlich und wir können wieder etwas enger zusammenkommen – in Gemütlichkeit und mit gutem Essen. Es wird wieder Zeit fürs Kiezdinner im Circus Lemke!

Zum Start in den Oktober wird diesmal Katy eines ihrer Buffets zaubern. Es gibt also ausnahmsweise einmal nicht die üblichen drei Gänge, sondern soviele ihr wollt und könnt. Freut euch auf einen Abend, wie ihr ihn vielleicht in Errinnerung habt, als Oma damals das gute Geschirr aus dem Schrank holte und alles für einen großen Feiertag bereitete. Den Rest des Beitrags lesen »

Aus Liebe

18. September 2012

Ich habe lange mit mir gehadert, wie es mit diesem Blog hier weitergehen soll. Sicher, ich wohne noch immer in diesem Kiez und das wird sich hoffentlich auch so schnell nicht ändern. Ich habe mich damals in dieses Fleckchen Erde verliebt. In diese etwas abgeschiedene, etwas ranzige Ecke der großen Stadt. Und vor allem habe ich mich in die Menschen verliebt, die hier in ihrem Kiez recht unbehelligt von der Außenwelt lebten. Denn damals gab es noch kaum einen Grund, hierher zu kommen – denn nach drei weiteren Querstraßen war der Weg zu Ende und man konnte maximal noch hin und wieder einem Flugzeug zusehen, wie es auf seine Reise ging.

Seitdem hat sich vieles verändert. Der Flughafen ist nun ein großer, kreativer Freiraum, der auf so vielfältige Weise genutzt wird, wie es vielfältige Menschen in dieser Stadt gibt. Wirklich ruhig ist es hier inzwischen nur noch am Sonntag Morgen, wenn die zahlreich gewordenen Besucher noch ihre Räusche ausschlafen. Das Klackern der Einkaufskoffer ist dem Klackern der Rollkoffer gewichen, das Türkische und Polnische dem Spanischen und Englischen. Zumindest oft.

Immer wieder haben wir hier in den letzten Jahren darüber sinniert und gestritten, was noch alles passieren möge. Was die ganzen neuen Kneipen anrichten und die vielen neuen Leute, die plötzlich auftauchten – oft ignorant, komisch gekleidet und lärmend. Die nun in den einst billigen Wohnungen unserer ehemaligen Nachbarn sitzen. Ich kam an einen Punkt, an dem ich keine Lust mehr hatte, darüber zu schreiben. Ich wollte nicht mehr auf den Kiezversammlungen ermüdenden Debatten zuhören, in denen sich Planlosigkeit, Ohnmacht und Dogmatismus zu einem schweren Brei verbanden. Ich habe mich erstmal mit anderen Dingen beschäftigt, die die Welt so zu bieten hat. Und habe dabei immer Kraft darauf gezogen, dass meine Wurzeln noch immer fest in diesem Fleckchen Erde stecken. Vielleicht war dies der berühmte kleine Abstand, den man manchmal benötigt, um sich wieder über Dinge klarer zu werden.

In den letzten Wochen habe ich mir den Kiez jetzt noch einmal angesehen. Und ich weiß immer noch, warum ich mich verliebte. Es ist vieles anders geworden – so wie immer und überall im Leben etwas anders wird. Das hat gute und schlechte Seiten. Aber der Kiez ist mir nicht fremd geworden. Im Gegenteil. Er ist immer noch genauso liebenswürdig, komisch charmant und spannend wie eh und je. Manche der neuen Nachbarn kommen nun nicht mehr aus dem Südosten, sondern aus dem Südwesten, sind aber oft genug aus den gleichen sozialen Gründen hierher gekommen, wie Generationen vor ihnen. Und einige kommen auch hierher, ohne von finanzieller Not dazu getrieben zu sein. Einfach weil sie es hier – aus welchen Gründen auch immer – schön zu leben finden. Das gab es auch schon zuvor.

Und so vieles Wichtige ist auch geblieben. Mein liebster Späti hat neue Regale und seinen alten Besitzer. Edeka ist kein bisschen weniger schrullig. Die alten Kneipen sind noch da und man trifft noch immer viele, die ich hier als erstes kennenlernte. Und denen ich heute noch dankbar bin, dass sie mich so problemlos in ihrer Mitte aufnahmen. Es gibt keinen Grund, dies mit den neuen Nachbarn nicht zu tun – auch wenn sie sich manchmal etwas zieren.

Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass wir hier nun in einer etwas anderen Konstellation zusammenleben. Das ist wichtig. Denn wir haben in Zukunft Kämpfe auszutragen. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wir müssen darum kämpfen, das liebenswerte an dieser Gegend, das uns alle hierherzog, zu erhalten und dabei gegenseitig offen für Neues zu sein. Wir werden gemeinsam um unseren gerade erst gewonnen Freiraum auf dem Flugfeld ringen. Und uns mit einem Bürgermeister auseinandersetzen, dessen inzwischen offen postulierter Rassismus einen Keil zwischen die hier lebenden Menschen treiben will (und den Nadia Shehadeh so treffend erklärt, wie ich es in meiner priviligierten Lage kaum könnte).

Es wird wieder gebloggt. Aus Liebe zu diesem Kiez.

Eine Anmerkung…

2. Oktober 2011

In Anlehnung an ein so richtiges Zitat, bleibt mir zum heutigen Abend nur dankender und hochachtungsvoller Weise eine entsprechende Abwandlung:

Hipster-Clubs sind Orte der Niedertracht. Es ist falsch sie zu unterstützen. Jemand, der zu ihrem Betrieb beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Betreiber freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

;)

Das ist in gewisser Weise ein Insider-Beitrag, der aber auf der Meta-Ebene meiner Ansicht nach seine Berechtigung hat. Vielleicht kommt es ja zur Aufklärung. Vielleicht auch nicht. Das überlasse ich mal den Protagonisten.

Reine Zahlen…

20. September 2011

Warum ich gern in diesem Kiez lebe, lässt sich manchmal in Zahlen festmachen: Hier sind die Piraten mit 20,6 Prozent zweitstärkste Kraft, Sonneborns “Die Partei” kommt auf 4,5 Prozent und die FDP auf 0,2 Prozent. Soweit mal ganz subjektiv und selektiv heruntergebrochen…

In den nächsten Tagen gibt es handfesteres. Wissenschaft und so. Das Material liegt hier und ich muss es nur noch ein wenig mit der Autorin abklären. Also noch ein klein wenig Geduld.