Ein Mord und der Alltagsrassismus
16. Januar 2013
Es ist etwas Schlimmes passiert in der Nachbarschaft. Ein Mann hat zwei Frauen erschossen. In ihrem Laden, den sie gerade erst eröffnet hatten. Der Hintergrund ist offenbar darin zu suchen, dass eines der Opfer und der Täter bis vor einiger Zeit ein Paar waren.
Das ist schlimm und erschütternd. Und umso ekliger ist es, dass sich natürlich bei einem solchen Vorfall der hierzulande tief verankerte Alltagsrassismus Bahn bricht. So ging seitens der ‘dpa’ die Meldung “Mann erschießt Frau in türkischer Bäckerei” über die Ticker. Klar, es passierte in Neukölln, in einem Laden, der etwas zu Essen anbietet und zusätzlich schon morgens vor neun geöffnet hat. Das muss ein türkischer Bäcker sein.
Und falscher geht es schon kaum noch. Wenn, ja wenn der fragliche Redakteur nicht selbst rassistisch denken würde, wäre die Tat nämlich schlicht in einem Neuköllner Bäcker geschehen. Denn das Geschäft steht tatsächlich in der Flughafenstraße und nicht in der Türkei. Nun könnte man einwenden, dass es ja auch italienische Restaurants gibt, die man besucht, wenn man Pizza essen will. Aber das lasse ich hier nicht gelten, denn bis auf Details unterscheidet sich das Angebot bei den Bäckern im Umfeld kaum. Es gibt Brötchen, Brote und anderes Gebäck in verschiedensten Formen. Hinzu kommt, dass die beiden Opfer, denen der Laden gehörte, nicht einmal einen türkischen, sondern einen bulgarischen Hintergrund haben. Das scheint aber bei der gewohnten Kausalitätskette “Neukölln -> Kriminalität -> Türken” nun wirklich keine Rolle zu spielen.
Zahlreiche Verlage, die immer wieder ihren “Qualitätsjournalismus” hervorheben und diesen zukünftig besonders subventioniert sehen wollen, übernahmen die dpa-Meldung ohne zu hinterfragen. Einige, wie die ‘Berliner Zeitung‘ haben inzwischen Korrekturen vorgenommen. Anders sieht es hingegen beim ‘Focus‘ aus. Da steht das alles weiterhin so da. Und weil man dem Leser ja auch Hintergründe liefern will, wird “Zum Thema” auch gleich auf die Kernthesen aus Heinz Buschkowskys letztem Buch verwiesen. Dieses stand ja auch in der Kritik, den strukturellen Rassismus zu befördern. Insofern passt es auch zur übernommenen Meldung. Denn wie sich mit diesem Buch ein Eifersuchts-Drama begründen lässt, wäre wohl schwer zu erklären.
Brandstifter und Ausführende
10. Oktober 2012
In den letzten Tagen haben sich ja Brandstifter und Ausführende – im wahrsten Sinne des Wortes – die Klinke in die Hand gegeben. Erst bringt also unser Bezirksbürgermeister ein Buch raus, in dem mal locker fluffig mit rassistischen Denkstrukturen herumgewedelt wird. Dann hinterlassen Nazis eindeutige Warnungen am Anton-Schmaus-Haus der Falken in Britz. Nebenher gibt es einen Anschlag gegen das Flüchtlingsheim in Waßmannsdorf bei Schönefeld, also in der direkten Nachbarschaft. Außerdem tolerierte die CDU-Neukölln auf einer Veranstaltung über die Planungen zum Asylbewerberheim in Rudow auch noch Kader der NPD. Einer ihrer Bezirksverordneten merkt offenbar erfreut ob der Resonanz an, dass das Thema die Bürger interessiert, ohne auch nur zu hinterfragen, warum.
Diese ganze Situation fühlt sich für meinen Geschmack etwas arg nach der Zeit Anfang der 1990er Jahre an, als die bürgerlichen Parteien im Gleichschritt mit den Nazis das Asylrecht faktisch kippten. Der Diskurs ist offensichtlich nur oberflächlich etwas vorangekommen. Passt also auf, dass ihr nicht in eurer Filterblase zu falschen Schlüssen kommt. Im Grunde bleibt nur mit einem treffenden Kommentar von @Telegehirn zu schließen:
Was gegen Nazis hilft? Erinnert ihr euch noch, wie das letzte Mal Faschismus & Nationalsozialismus niedergerungen wurden? Do it again!
Dinge entdecken mit der CDU
28. September 2012
Am Mittwoch ging es in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) im Neuköllner Rathaus ja ganz ordentlich zur Sache. Erst wurden einige Leute von den Besucher-Rängen entfernt, die gegen die erneuten rassistischen Äußerungen unseres Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkovsky protestierten. Später ging es dann um einen Antrag der CDU, der Sozialleistungsbetrug durch muslimische Mehrfachehen nachgehen sollte.
Da hat dann mal jemand von der Linken auf den Tisch gehauen. Das ganze endete damit, dass die Sitzung auf Beschluss von CDU und SPD vorzeitig abgebrochen wurde. Wer die Sichtweise der einzelnen Seiten mal sehen will, sollte sich die Stellungnahmen von Linken und CDU durchaus mal durchlesen.
Und wie so oft, wenn sich CDUler öffentlich äußern, gab es natürlich auch wieder Erheiterndes. In der Stellungnahme schreiben sie: “Dabei entstand bei vielen Anwesenden der Eindruck, dass von Seiten der Grünen, Linken und Piraten Polygamie als selbstverständlich oder wünschenswert gesehen wird.” Man kann die Verwirrung darüber, dass es Menschen gibt, die anderen Lebensentwürfen als der Ehe folgen, förmlich im Raum stehen sehen. Ich würde das in dem Fall eher Polyamory nennen, aber einem Grüppchen, dass schon mit Homosexualität latent überfordert ist, will man ja auch nicht all zu viel abverlangen.
Es ist Kiezdinner-Zeit!
22. September 2012
Hallo liebe Nachbarn und weiter entfernte Freunde des Genusses,
es wird herbstlich und wir können wieder etwas enger zusammenkommen – in Gemütlichkeit und mit gutem Essen. Es wird wieder Zeit fürs Kiezdinner im Circus Lemke!
Zum Start in den Oktober wird diesmal Katy eines ihrer Buffets zaubern. Es gibt also ausnahmsweise einmal nicht die üblichen drei Gänge, sondern soviele ihr wollt und könnt. Freut euch auf einen Abend, wie ihr ihn vielleicht in Errinnerung habt, als Oma damals das gute Geschirr aus dem Schrank holte und alles für einen großen Feiertag bereitete. Den Rest des Beitrags lesen »
Aus Liebe
18. September 2012
Ich habe lange mit mir gehadert, wie es mit diesem Blog hier weitergehen soll. Sicher, ich wohne noch immer in diesem Kiez und das wird sich hoffentlich auch so schnell nicht ändern. Ich habe mich damals in dieses Fleckchen Erde verliebt. In diese etwas abgeschiedene, etwas ranzige Ecke der großen Stadt. Und vor allem habe ich mich in die Menschen verliebt, die hier in ihrem Kiez recht unbehelligt von der Außenwelt lebten. Denn damals gab es noch kaum einen Grund, hierher zu kommen – denn nach drei weiteren Querstraßen war der Weg zu Ende und man konnte maximal noch hin und wieder einem Flugzeug zusehen, wie es auf seine Reise ging.
Seitdem hat sich vieles verändert. Der Flughafen ist nun ein großer, kreativer Freiraum, der auf so vielfältige Weise genutzt wird, wie es vielfältige Menschen in dieser Stadt gibt. Wirklich ruhig ist es hier inzwischen nur noch am Sonntag Morgen, wenn die zahlreich gewordenen Besucher noch ihre Räusche ausschlafen. Das Klackern der Einkaufskoffer ist dem Klackern der Rollkoffer gewichen, das Türkische und Polnische dem Spanischen und Englischen. Zumindest oft.
Immer wieder haben wir hier in den letzten Jahren darüber sinniert und gestritten, was noch alles passieren möge. Was die ganzen neuen Kneipen anrichten und die vielen neuen Leute, die plötzlich auftauchten – oft ignorant, komisch gekleidet und lärmend. Die nun in den einst billigen Wohnungen unserer ehemaligen Nachbarn sitzen. Ich kam an einen Punkt, an dem ich keine Lust mehr hatte, darüber zu schreiben. Ich wollte nicht mehr auf den Kiezversammlungen ermüdenden Debatten zuhören, in denen sich Planlosigkeit, Ohnmacht und Dogmatismus zu einem schweren Brei verbanden. Ich habe mich erstmal mit anderen Dingen beschäftigt, die die Welt so zu bieten hat. Und habe dabei immer Kraft darauf gezogen, dass meine Wurzeln noch immer fest in diesem Fleckchen Erde stecken. Vielleicht war dies der berühmte kleine Abstand, den man manchmal benötigt, um sich wieder über Dinge klarer zu werden.
In den letzten Wochen habe ich mir den Kiez jetzt noch einmal angesehen. Und ich weiß immer noch, warum ich mich verliebte. Es ist vieles anders geworden – so wie immer und überall im Leben etwas anders wird. Das hat gute und schlechte Seiten. Aber der Kiez ist mir nicht fremd geworden. Im Gegenteil. Er ist immer noch genauso liebenswürdig, komisch charmant und spannend wie eh und je. Manche der neuen Nachbarn kommen nun nicht mehr aus dem Südosten, sondern aus dem Südwesten, sind aber oft genug aus den gleichen sozialen Gründen hierher gekommen, wie Generationen vor ihnen. Und einige kommen auch hierher, ohne von finanzieller Not dazu getrieben zu sein. Einfach weil sie es hier – aus welchen Gründen auch immer – schön zu leben finden. Das gab es auch schon zuvor.
Und so vieles Wichtige ist auch geblieben. Mein liebster Späti hat neue Regale und seinen alten Besitzer. Edeka ist kein bisschen weniger schrullig. Die alten Kneipen sind noch da und man trifft noch immer viele, die ich hier als erstes kennenlernte. Und denen ich heute noch dankbar bin, dass sie mich so problemlos in ihrer Mitte aufnahmen. Es gibt keinen Grund, dies mit den neuen Nachbarn nicht zu tun – auch wenn sie sich manchmal etwas zieren.
Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass wir hier nun in einer etwas anderen Konstellation zusammenleben. Das ist wichtig. Denn wir haben in Zukunft Kämpfe auszutragen. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wir müssen darum kämpfen, das liebenswerte an dieser Gegend, das uns alle hierherzog, zu erhalten und dabei gegenseitig offen für Neues zu sein. Wir werden gemeinsam um unseren gerade erst gewonnen Freiraum auf dem Flugfeld ringen. Und uns mit einem Bürgermeister auseinandersetzen, dessen inzwischen offen postulierter Rassismus einen Keil zwischen die hier lebenden Menschen treiben will (und den Nadia Shehadeh so treffend erklärt, wie ich es in meiner priviligierten Lage kaum könnte).
Es wird wieder gebloggt. Aus Liebe zu diesem Kiez.
Buschkowsky und die NSU
24. Februar 2012
Ich bin erschüttert und erbost. Heinz Buschkowsky hat ja schon so manchen Mist gemacht und von sich gegeben. Und ich meine damit aktuell nicht, dass er für unsinnige Prozesse soviel Geld aus dem Fenster wirft, wie eine der mit dem kommenden Haushalt wohl gestrichen werdenden Behinderteneinrichtungen in Neukölln im Jahr kostet.
Der absolute Oberknaller war sein gestriger Auftritt in der ARD in der Sondersendung zu den Morden der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (ab 1:27:00). Da stellt sich dieser Typ hin und erzählt erstmal ernsthaft: “Waren es früher die Gastarbeiterkinder, die vereinzelt in den Klassen waren, so wurden sie schon von auch den deutschen Mitschülern nicht besonders nett behandelt, ist es heute andersrum. Wenn in einer Klasse nur noch ein, zwei deutsche Schüler sind, dann passiert dasselbe.” Und so geht es dann weiter. Immer weitere Klagen darüber, dass das mit der Integration nicht funktioniert und die Kinder ja schon von zu Hause nicht die nötige Erziehung mitbekommen.
So etwas in diesem Kontext zu bringen, zeugt schon von einer großen Portion Merkbefreitheit. Im Klartext bedeutet das nämlich, dass die von mrodierenden Neonazis ermordeten Menschen ja selbst Schuld sind, weil sie nicht ausreichend Willens sind, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Mag sein, dass es nicht so gemeint war. (Denn man soll ja nicht zwingend Bosheit unterstellen, wo eine Angelegenheit auch mit Dummheit erklärt werden kann.) Trotzdem ist das ein Skandal und sollte in den kommenden Tagen noch einmal klar thematisiert und nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden. Buschkowsky soll sich dazu gefälligst erklären!
Und spätestens jetzt sollten hier auch einige nochmal schwer darüber nachdenken, ob man diesen Typen auch noch stolz auf ein T-Shirt gedruckt durch die Gegend tragen will. Aufgabe der ARD wird es sein – das muss man fairerweise auch anmerken, um nicht nur in eine Richtung auszuteilen – die Auswahl der Gäste für eine solche Sendung aufzuarbeiten. Denn wie Publikative.org anmerkte: “Wurde bei Trauerfeiern für RAF-Opfer eigentlich mit einem marxistischen Ökonomen über die Nachteile des Kapitalismus debattiert?”
Sinnlos
5. Dezember 2011
Eine Anmerkung…
2. Oktober 2011
In Anlehnung an ein so richtiges Zitat, bleibt mir zum heutigen Abend nur dankender und hochachtungsvoller Weise eine entsprechende Abwandlung:
Hipster-Clubs sind Orte der Niedertracht. Es ist falsch sie zu unterstützen. Jemand, der zu ihrem Betrieb beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Betreiber freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.
;)
Das ist in gewisser Weise ein Insider-Beitrag, der aber auf der Meta-Ebene meiner Ansicht nach seine Berechtigung hat. Vielleicht kommt es ja zur Aufklärung. Vielleicht auch nicht. Das überlasse ich mal den Protagonisten.
Reine Zahlen…
20. September 2011
Warum ich gern in diesem Kiez lebe, lässt sich manchmal in Zahlen festmachen: Hier sind die Piraten mit 20,6 Prozent zweitstärkste Kraft, Sonneborns “Die Partei” kommt auf 4,5 Prozent und die FDP auf 0,2 Prozent. Soweit mal ganz subjektiv und selektiv heruntergebrochen…
In den nächsten Tagen gibt es handfesteres. Wissenschaft und so. Das Material liegt hier und ich muss es nur noch ein wenig mit der Autorin abklären. Also noch ein klein wenig Geduld.
Herz zeigen
23. August 2011
Am Samstag gibt es die Gelegeinheit Gutes zu tun und dabei Spaß zu haben. Im Werner-Seelenbinder-Sportpark findet eine Benefiz-Veranstaltung zugunsten des Kinderhospizes “Berliner Herz” statt. Höhepunkt ist ein Fußballspiel einer Polizeiauswahl gegen eine Mannschaft aus alten Haudegen der Profiligen: Zecke Neuendorff, Uli Borowka, Pele Wollitz, Ansgar Brinkmann, Nico Thomaschewski, Jörg Schwanke, Karsten Heine, Marco Gebhardt, Franklin Bittencourt und Marcel Rozgonyi.
Ringsrum gibt es ein Rahmenprogramm mit Kinderbespaßung und Musik verschiedener Künstler. Die Einnahmen kommen dem Kinderhospiz, das Familien mit schwer und oder unheilbar erkrankten Kindern und Jugendlichen unterstützt zu Gute. Einlass ist ab 10 Uhr, das Fußballspiel beginnt um 11 Uhr. Um 20 Uhr ist Schluss, so dass ihr auch vorbeischauen könnt, wenn ihr mal ausschlafen müsst.


